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Regionalwährung: 8 Beispiele für Regiogeld und was sie lehren

Kupferstich-Vignette im Banknotenstil: Zwei Hände reichen auf einem Wochenmarkt einen Regionalgeld-Schein über Kisten mit Äpfeln, Karotten und Brot, dahinter Fachwerkhäuser

Im Chiemgau bezahlen Kundinnen und Kunden seit 2003 mit Scheinen, die alle sechs Monate eine Marke brauchen, sonst verlieren sie an Wert. In Dresden dagegen hat sich der Verein hinter dem Elbtaler 2022 aufgelöst. Beides gehört zur Geschichte der Regionalwährung: Viele Initiativen sind gestartet, nur wenige laufen bis heute.

Dieser Überblick erklärt, wie Regiogeld funktioniert und was das Recht erlaubt. Danach folgen acht Fälle mit Stand Oktober 2026 und die Schritte, mit denen eine Initiative beginnt.

Was ist eine Regionalwährung?

Eine Regionalwährung, auch Regionalgeld, Regiogeld oder kurz „Regio“, ist ein Zahlungsmittel, das nur in einer Region gilt und nur von teilnehmenden Unternehmen akzeptiert wird. Sie ergänzt den Euro und ersetzt ihn nicht. Fachleute sprechen deshalb von einer Komplementärwährung. Der Begriff ist weiter gefasst und umfasst auch Zeitbanken und Verrechnungsringe, in denen Firmen sich gegenseitig Kredit geben.

Hinter fast jeder solchen Währung steht ein Verein oder eine Genossenschaft. Die Idee ist einfach: Wer in der Region verdient, soll auch dort einkaufen. Das soll die regionale Wirtschaft, Höfe und gemeinnützige Projekte unterstützen.

Wie Regionalgeld gedeckt ist

Hierzulande haben sich zwei Modelle durchgesetzt, dazu kommen Mischformen:

Modell So entsteht das Geld Beispiele Typische Schwäche
Euro-Deckung 1:1 Mitglieder tauschen Euro in Gutscheine, die Reserve liegt bei einer Bank Chiemgauer, Roland, Bürgerblüte schafft keine zusätzliche Kaufkraft, braucht Ausgabestellen
Leistungsdeckung Unternehmen versprechen Waren oder Arbeit, das Geld entsteht als Kredit Urstromtaler, Havelblüte Vertrauen hängt an wenigen Anbietern
Verrechnungssystem Konten starten bei null, Plus und Minus gleichen sich aus WIR in der Schweiz Teilnehmende, die ihr Minus nie ausgleichen

Viele Regios arbeiten mit einer Umlaufsicherung, oft Schwundgeld genannt. Wer die Scheine längere Zeit hortet, muss eine kostenpflichtige Marke kleben, sonst sinkt ihr Wert. So soll das Geld schnell weiterwandern. Beim Rücktausch fallen meist fünf Prozent Gebühr an, aus der gemeinnützige Vereine gefördert werden.

Infografik: drei Arten, eine Regionalwährung zu decken (Euro-Deckung, Leistungsdeckung, Verrechnung) mit Beispielen und Umlaufsicherung
So wird Regionalgeld gedeckt: Euro-Reserve, Leistungsversprechen oder Verrechnung, oft mit Umlaufsicherung.

Regiogeld ist kein gesetzliches Zahlungsmittel, niemand muss es annehmen. Juristisch gilt es als Gutschein. Die folgenden Punkte sind allgemeine Information, keine Rechtsberatung.

  1. Bundesbankgesetz: § 35 stellt die unbefugte Ausgabe von „Geldzeichen“ unter Strafe, die anstelle von Münzen und Banknoten verwendet werden können. Laut einer Dokumentation der Wissenschaftlichen Dienste des Bundestages stehen Gutscheinwährungen damit formal im Konflikt. Die Bundesbank duldet sie aber seit 2001, weil ihr Umfang volkswirtschaftlich kaum ins Gewicht fällt. Die Staatsanwaltschaft Waldshut-Tiengen hielt die Ausgabe 2007 nicht für strafbar.
  2. Bundesbank: Im Mai 2007 schrieb die Notenbank, die gesamtwirtschaftlichen Kosten seien wegen des geringen Umlaufs vernachlässigbar, eine Gefahr für den Euro bestehe derzeit nicht.
  3. BaFin: Gutscheine, die nur in einem begrenzten Netz von Akzeptanzstellen gelten, fallen unter eine Ausnahme des Zahlungsdiensteaufsichtsgesetzes (§ 2 Abs. 1 Nr. 10 ZAG). Übersteigen die Zahlungen in zwölf Monaten 1 Million Euro, muss der Herausgeber das der BaFin anzeigen.
  4. Steuern: Umsatzsteuer fällt erst an, wenn ein Gutschein bei einer Akzeptanzstelle eingelöst wird. Umsatz in Regiogeld zählt für Unternehmen wie jeder andere Umsatz. Steuern selbst lassen sich nicht damit bezahlen.

8 Regionalwährungen und was sie lehren

1. Wörgl, Tirol (1932–1933): das große Vorbild

Mitten in der Weltwirtschaftskrise gab die Gemeinde Wörgl im Juli 1932 eigene Arbeitswertscheine aus. Sie verloren jeden Monat 1 % ihres Werts, wenn niemand eine Marke klebte. Gedeckt waren sie durch Schilling bei einer örtlichen Bank. Im September 1933 endete das „Wunder von Wörgl“, nachdem die Österreichische Nationalbank das Recht der Gemeinde zur Geldausgabe bestritten hatte. Seither ist klar: Das staatliche Geldsystem setzt die Grenzen.

2. WIR, Schweiz (seit 1934): Verrechnung statt Scheine

Schweizer Gewerbetreibende gründeten 1934 die WIR-Genossenschaft, damit kleine Betriebe ohne knappe Franken miteinander handeln konnten. Heute ist die Bank WIR eine normale Genossenschaftsbank. Laut ihrem Jahresergebnis lagen Ende 2025 Kundeneinlagen von rund 352 Millionen in der WIR-Währung (CHW), 8,7 % weniger als im vergangenen Jahr. Der Ökonom James Stodder fand, dass die WIR-Nutzung in Abschwüngen steigt. Ein Verrechnungsnetz kann Firmen also gerade in einer Finanzkrise helfen.

3. Roland, Bremen (seit 2001): der Dauerläufer

Der Roland-Regional e.V. gab im Oktober 2001 eines der ersten Regiogelder aus, 1:1 gedeckt, mit monatlichem Wertverlust von 1 %. Der Verein lädt im Oktober 2026 weiter zu Treffen ein und versteht sich als Wirtschaftsring für nachhaltigen Handel. Ein fester Kreis aus Mitgliedern hält ein Regio lange am Leben, auch wenn es klein bleibt.

4. Chiemgauer, Bayern (seit 2003): das größte Regionalgeld

Der Lehrer Christian Gelleri startete den Chiemgauer 2003 als Projekt mit Schülerinnen der Waldorfschule Prien am Chiemsee. Heute gilt er in den Landkreisen Rosenheim und Traunstein. Ein Chiemgauer entspricht einem Euro. Wer zurücktauscht, zahlt fünf Prozent: drei davon gehen an einen Verein, den die Kundin gewählt hat, der Rest deckt die Kosten. Die Website des Chiemgauer e.V. nennt als aktuelle Zahlen (Oktober 2026) rund 936.700 Chiemgauer im Umlauf, 4.265 Verbraucher, 347 Unternehmen und 969.515 Euro Förderung. Was den Chiemgauer von vielen anderen unterscheidet, ist der konkrete Nutzen für lokale Vereine: Er bindet Menschen an das System.

Kupferstich-Vignette: Ladentheke mit alter Registrierkasse, Stempelkissen und einem Stapel Regionalgeld-Gutscheine, die eine Hand abstempelt, daneben ein Korb Äpfel
Euro-gedecktes Regionalgeld wie der Chiemgauer läuft über Ausgabestellen und Akzeptanzstellen im Einzelhandel.

5. Sterntaler, Berchtesgadener Land: beendet

Der Sterntaler verband Euro-Deckung mit einem Tauschring, in dem Leistungen verrechnet wurden. Ende 2018 berichtete das Oberbayerische Volksblatt vom Ende dieser Regionalwährung. Der Chiemgauer übernahm bald einige Annahmestellen im Landkreis. Zwei Regios nebeneinander teilen sich eben einen kleinen Markt.

6. Bürgerblüte, Kassel (seit 2005): still geworden

Die Bürgerblüte startete 2005 in Kassel, 1:1 an den Euro gebunden, mit fünf Prozent Rücktauschgebühr. Die jüngste Meldung auf der Website ist im Oktober 2026 eine Einladung zur Mitgliederversammlung vom November 2020. Ob das Geld noch umläuft, lässt sich daraus nicht ablesen. Ohne aktuelle Zahlen fehlt Händlern die Orientierung.

7. Elbtaler, Dresden (2012–2022): beendet

Der Elbtaler kam 2012 als Papier- und Digitalgeld für den Raum Dresden. Der Förderverein Elbtaler e.V. hat sich aufgelöst; die Website wird laut eigenem Hinweis seit Ende Januar 2022 nicht mehr betrieben. Wird ein Regio von wenigen Ehrenamtlichen getragen, endet es oft mit dem Verein.

8. Urstromtaler, Sachsen-Anhalt: beendet

Der Jurist Frank Jansky gründete den Urstromtaler Mitte der 2000er-Jahre als leistungsgedecktes Geld, das sich auch in Euro tauschen ließ. Zunächst machten mehrere Dutzend Händler mit. Der Aufbau des Tauschrings erwies sich laut einem Bericht von evangelisch.de aus dem Jahr 2015 als zu schwierig. Die frühere Domain steht heute zum Verkauf. Leistungsdeckung funktioniert nur mit vielen aktiven Anbietern.

Warum viele Regionalgelder enden

2008 zählte die Geografin Birte Nienaber in einem Beitrag für das Leibniz-Institut für Länderkunde 33 Regionalwährungen in Deutschland, über 40 weitere Initiativen planten eine. Von den deutschen Fällen oben sind drei beendet. Die Gründe ähneln sich:

  • Ehrenamtliche hören auf, niemand übernimmt.
  • Karten- und Handyzahlungen verdrängen Papiergutscheine.
  • Händler können eingenommenes Regiogeld nicht wieder ausgeben und tauschen es zurück, der Umlauf schrumpft.
  • Gebühren decken die laufenden Kosten nicht.

Was Befürworter und Kritiker sagen

Befürworter wie Christian Gelleri sehen im Regiogeld einen Motor für regionale Kreisläufe: Läden kaufen Äpfel aus der Region, weil sie ihre Chiemgauer bei Bauern ausgeben können, und Vereine erhalten Geld. Erfolgreich ist ein Regio aus dieser Sicht, wenn es praktisch im Alltag genutzt wird.

Kritiker halten dagegen. Der Ökonom Gerhard Rösl schrieb 2006 in einem Diskussionspapier der Bundesbank, ein System, das Kaufkraft künstlich am Ort bindet, behindere den überregionalen Handel und schade auch den Handelspartnern. Dasselbe Papier zweifelt an der theoretischen Begründung des Schwundgelds. Langzeitstudien sind selten, beide Seiten stützen sich vor allem auf Fallstudien.

Mehr Ideen rund um eine Wirtschaft, die vor Ort ansetzt, sammelt die Themenseite Neue Wirtschaft.

Schritte zur Gründung einer Regionalwährung

  1. Zweck und Gebiet festlegen: Kaufkraft halten, Vereine fördern oder Firmen Kredit verschaffen verlangen verschiedene Modelle.
  2. Deckung wählen (siehe Tabelle) und eine Bank als Partner suchen.
  3. Unternehmen gewinnen, bevor gedruckt wird. Händler brauchen Lieferanten, bei denen sie das Geld wieder ausgeben können.
  4. Rechtlich prüfen lassen: Gutscheincharakter, ZAG-Grenze, Umsatzsteuer, Vereinssatzung.
  5. Kosten planen und Gebühren festlegen, digitale Zahlung von Anfang an mitdenken.
  6. Nachfolge sichern: Vorstand breit aufstellen, Umlaufzahlen jedes Jahr veröffentlichen.

Wie Nachbarschaften solche Projekte gemeinsam tragen, zeigt die Themenseite Gemeinschaften.

Häufige Fragen zum Thema Regiogeld

Was ist der Unterschied zwischen Regionalgeld und Komplementärwährung?

Komplementärwährung ist der Oberbegriff für jedes Geld, das den Euro ergänzt, auch Zeitbanken und Firmenverrechnung. Regionalgeld ist die Variante, die an ein Gebiet gebunden ist.

Kann man mit Regiogeld Steuern zahlen?

Nein. Das Finanzamt nimmt keine Regionalwährung an.

Was ist Schwundgeld?

Geld, das in festen Abständen an Wert verliert, wenn niemand eine Gebühr zahlt. Das soll Horten verhindern. Das bekannteste historische Beispiel ist Wörgl 1932.

Quellen

  1. Deutscher Bundestag, Wissenschaftliche Dienste: Komplementärwährungen in Deutschland (WD 4 - 3000 - 162/18)
  2. Gesetz über die Deutsche Bundesbank: § 35 Unbefugte Ausgabe und Verwendung von Geldzeichen
  3. Zahlungsdiensteaufsichtsgesetz: § 2 Ausnahmen
  4. Bank WIR: Jahresergebnis 2025 (Medienmitteilung, 13. Februar 2026)
  5. Förderverein Elbtaler e.V.: Elbtaler (Hinweis zur Auflösung)